Leitgedanke

Der Baum ist ein alter Freund. Ich denke viel an ihn, ich sorge mich um ihn. Ich versorge ihn. Und er beschenkt mich Tag um Tag. Schon oft hat er mich herausgerissen aus meinem Denken, das mich niederzuziehen drohte.

Wenn er mit seinen noch nicht ganz ausgebildeten Blättern vor dem tiefen Himmelsblau steht, kann er Sorgen vertreiben. Im Herbst, wenn wir zwanzig Mülltonnen gedrückt voll mit Blättern von ihm einsammeln und wegtragen, ist er Ausdruck des Überflusses und der Fülle.

Wir nehmen dann seine Samen und werfen sie vom Balkon der dritten Etage unseres Hauses hinunter und sehen, wie sie sich wie Hubschrauberflügel drehen, um möglichst weit vom Stamm in die Erde fallen und dort aufzugehen, zu einer Generation von Ahornbäumen.

Er vereinfacht mein Leben: Mit einem Blick auf ihn ist es leichter, die Kompliziertheit des Lebens für eine Weile loszulassen und das Einfache wieder zu entdecken. In dem Maße, wie seine Krone wächst und seine Äste immer ausladender werden, breiten sich unterirdisch seine Wurzel aus. Das Unsichtbare trägt das Sichtbare in einer fragilen Balance. Und die Blätter, die sich der Sonne zukehren, verwandeln das Licht und die Feuchtigkeit in Energie für die Wurzeln, die wiederum die Blätter und den ganzen Stamm erhalten.

Die Photosynthese ist eine Transsubstantiation. Der Leib der Erde wird zum Leib des Baumes, wird zum Leib der Luft. In einer endlosen Wiederkehr verwandeln sich die Wesen, verzehren einander, leben voneinander. Das eine wird das andere und kehrt irgendwann in dem Leib wieder, den es einmal hatte.

(Nach Ulrich Schaffer)

Der Baum ist ein alter Freund.